Heute war der erste Tag seit 13 Monaten an dem ich mich auf eine Waage gestellt habe. Über ein Jahr habe ich mich nicht darauf gestellt mit den Gedanken „interessiert mich nicht, unwichtig, will ich nicht wissen, sagt sowieso nichts aus.“. Heute hat mein (eher begrenztes) Rechenvermögen dann herausgefunden, dass ich dreieinhalb Jahre seit meinem Abitur 5kg mehr wiege als im Sommer 2013. So. 5 Kilogramm, 5000 Gramm, 11 Pfund, wie auch immer man es nennen will.
Jetzt fragt ihr euch sicher: „und was will sie mir nun damit sagen?“ 
Dieser Post soll sich nicht darum drehen, warum die Zahl auf der Waage höher ist, als früher oder wie es dazu gekommen ist.

Fünf Kilogramm mehr. Das wäre bis vor ein paar Jahren der blanke Horror gewesen. Mogens aufstehen, ausziehen, mit leerem Magen auf eine Glasplatte stellen und diese Zahl lesen – davon war mein gesamter Tag abhängig. War es weniger als am Tag zuvor? Yeah, super, toll, heute gehört mir die Welt! War es mehr? Scheiße. Scheiße Melina, warum kannst du eigentlich nichts / warum bist du so undiszipliniert / warum kriegst du es einfach nicht auf die Reihe?

Heute, einige Jahre später, liege ich morgens im Bett. Ich bin zum ersten Mal in diesem Jahr erkältet, ich mache nichts für die Uni, ich lasse meine Arbeit mal einen Tag links liegen und denke nach. Darüber, was sich geändert hat und warum ich mich damals gegen das Spiel mit den Zahlen entschieden habe.
Manchmal scheint es mir so vorzukommen, als wären die „Post-Abitur-Kilos“ eines der beliebtesten Themen bei jungen Frauen. „Ach, da war ich im Ausland“ , „da hatte ich so richtig miesen Liebeskummer“ , „ich wusste einfach nicht wie ich für mich selbst kochen soll“ … und immer schwingt eine Rechtfertigung mit. Ich weiß, dass ich schwerer bin, als zu der Zeit meiner Abiprüfungen, auch ohne eine gewisse Zahl anzugucken. Und ich bin – ganz ehrlich – froh darüber.

Stell dir vor, eines Tages kommt die Fee vorbei, von der dir deine Mutter erzählt hat, wenn du deine ersten Milchzähne verloren hast (oder bin ich die einzige, der diese Story erzählt wurde?). Stell dir vor, sie kommt vorbeigeflogen und gibt dir einen Wunsch frei. Wenn ich mir eine Sache wünschen könnte, dann wäre es, in die Zeit zurückzureisen und mein 18 jähriges Ich zu treffen. Ich würde diese Melina in den Arm nehmen und auf ein Eis einladen und ich würde ihr folgendes sagen:
„Hör auf. Stress dich nicht. Hör auf, deine Gedanken um die Innenseite deiner Oberschenkel kreisen zu lassen. Bitte lass nicht zu, dass du wegen einer Zahl motzig wirst. Wer du bist ist nicht dein Äußeres – es ist was du lebst. Was du anderen mitgibst, wie du lachst, was du erlebst. Deine Reisen, deine Erfahrungen, dein Erfolg, all das kannst und wirst du nicht erreichen, wenn dein einziges Ziel ist, noch 1kg weniger zu wiegen. Okay?“
Hätte mir das mal jemand gesagt. Oder hätte ich zugehört.

Es gibt Tage, da verbringe ich zu viel Zeit auf Instagram. Es gibt Tage, da versuche ich es nicht an mich heranzulassen, aber ich merke wie ich mich selbst unter Druck setze. Wie ich immer mehr an mir bemängele: men Bauch ist nicht flach, ich bin zu klein, mein Gesicht zu rund. Surprise – mein Gesicht war auch mit 10 Kilos weniger rund, so etwas nennt sich Genetik.
Es gibt Tage, da bekomme ich Komplexe. Und dann denke ich daran, dass zu meinen Abizeiten nocht keiner im Social Media unterwegs war und seinen Körper retuschiert hat. Oder doch? Und dann rufe ich meine beste Freundin an, nur um mir von ihr versichern zu lassen, dass ich spinne, dass ich stolz sein kann, wieder gesund zu sein und dass ich aufhören soll mich zu vergleichen. Und so selten diese Tage auch geworden sind, umso nachdenklicher machen sie mich.

Ich wünsche mir so vieles. Ich wünsche mir, dass sich 14 jährige Mädels in der Bahn nicht mehr darüber unterhalten, dass Bananen zu viel Zucker haben. Ich wünsche mir, dass die Frauen in meinem Fitnessstudio sich nicht mehr erzählen, dass sie jetzt seit 2 Wochen nur noch 500 Kalorien am Tag essen (ja, das ist letztens tatsächlich passiert). Ich wünsche mir, dass keiner von uns sein Leben lang auf bestimmte Makros verzichtet und sich unter Druck setzt, 3 Stunden am Tag laufen gehen zu müssen, sondern dass wir uns zufrieden schätzen. Zufrieden, gesund zu sein, Menschen zu haben, die uns lieben. Ich wünsche mir, dass wir in der früh aufwachen und als erstes die Sonnenstrahlen sehen und nicht unseren Körper im Spiegel. Dass wir lachen und weinen und Nachrichten lesen und uns engagieren und endlich die Person zum Kaffee einladen, die wir schon lange toll finden, dass uns Komplimente machen, dass wir reisen, dass wir „dankeschön“ an der Supermarktkasse sagen, dass wir Bananen essen – ohne Gedanken um Zucker und Kalorien. Dass wir wählen gehen, dass wir unsere Haustiere heute Nacht extra lange kuscheln und Fremde in der Bahn anlächeln.
Wir sind so viel mehr als eine Zahl.

Ein paar Gedanken zum Sonntag, die irgendwie aus mir raus mussten. 3 Jahre, 5 Kilo, das sind alles Zahlen, die relativ sind. Die nichts aussagen. Heute kann ich sagen, dass ich zufriedener und mehr im Einklang mit mir bin, als je zuvor in meinem Leben. Unabhängig davon, wie ich morgens nach dem Aufwachen aussehe.

Und ihr so?