NO TIME

So süß, so zauberhaft, so schön ist dieser … Sommer? Ja, wir haben schon wieder Sommer. Ich stemme mich gegen die viel zu schwere Eingangstür unseres Hauses, hüpfe hinaus und entgegen kommt mir die warme Luft, die in der Straße steht und die viel wärmer ist, als die im Treppenhaus. Die S-Bahn kommt. Alle schwitzen. Berlin. Hektik.

So süß, so unruhig, so sehr nach Routine habe ich mich gesehnt. Wo geht die Zeit eigentlich hin, wenn man sie nicht mehr hat? Jetzt, meine ich, habe ich sie nicht. Wie vergeht die Zeit so rasend schnell, gerade weil man sie nicht hat? Ich hab mich so sehr nach einer Routine gesehnt, seit Januar oder Februar, so ungefähr. Irgendwann kann man nicht mehr nur reisen und in den Tag hineinleben. Ich dachte, ich brauche eine Aufgabe, die Uni, die Arbeit, das Beschäftigtsein und das Herumwuseln. Jetzt denke ich mir, ach, hättest du mal mehr genossen und mehr entspannt und in den Tag hineingelebt. Ich wusste es.

Zum gefühlt ersten Mal seit Beginn meines Studiums studiere ich so richtig richtig und einerseits liebe ich es, andererseits ist es wirklich zermürbend. Weil Philosophie nicht belohnt, weil es wenig Erfolgserlebnisse gibt und während alle in dem Seminar schlaue Dinge sagen, denke ich darüber nach, dass ich nichts kapiere und was ich später zu Mittag essen könnte. Ich sage immer: mir bringt das was, mein Kopf liebt es und ich brauche das auch. Und dann sitze ich da und bekomme keinen Bissen runter, weil ich weiß, dass ich gerade nicht mal Zeit habe, Abendessen zu kochen und eigentlich noch 33 offene Mails und 200 Seiten Text warten. Ist das jetzt wieder Meckern auf hohem Niveau?

Ich gucke in den Kalender. “Wann hast du mal wieder Zeit für mich?”, fragst du. “Wann hast du mal wieder Zeit für mich?”, frage ich mich selber. Da sein, “ja” sagen, von einer S-Bahn in die nächste, das laugt ein bisschen aus. Abends in die Badewanne, hab gehört, das entspannt, nach 5 Minuten wieder raus. Tagesschau beim Essen, mit Textmarker und Buch beim Sport, Hörbuch in der Bahn, Mails in der Vorlesung, Verwandte anrufen auf dem Weg zum nächsten Termin, weil Familie ist wichtig. “Gehts dir gut? Ja mir auch, wollte nur wissen ob’s dir gut geht. Ja doch, alles gut, nur viel um die Ohren wie immer.” – wie immer. “Wieso verabredest du dich mit XYZ aber nicht mit mir? In deiner Instastory siehst du aber nicht so gestresst aus.”. Abends im Bett und der Kopf pocht. Ich trinke Baldrian. Hilft nichts. Ich kaufe Lavendelöl. Hilft nichts. Ich heule. Hilft nichts, ich bin wach. Bitte, bitte, lass mich endlich schlafen. Nachts nochmal den Laptop aufklappen und etwas nachlesen, noch mal Notizen zum Vortrag checken, nochmal Hotels für August suchen, nur noch zwei Mails. Das laugt nicht nur ein bisschen aus. Es ist ein Balanceakt. Ein Drahtseilakt.

Als kleines Mädchen habe ich Ballett getanzt, jetzt tanze ich zwischen den Stühlen, oder wohl eher zwischen Bahnhaltestellen.

“Es ist dir überlassen, was du aus deiner Zeit machst. Sag doch mal ab. Du musst nicht auf allen Hochzeiten tanzen.”. Hm, ne. Kann ich auch nicht. Und dann sage ich “nein” und da ist schon das schlechte Gewissen. Und kaum habe ich drei Tage Routine, kommt die neue Baustelle, oder geht es zum Hauptbahnhof und ich freue mich und bin aufgeregt, dann kann ich wieder nicht still sitzen und melde mich für den nächsten Kurs, das nächste Kaffee-Date, die nächste Zusammenarbeit, die mir jetzt schon Nervosität bereitet. Die nächste Fahrt zum Flughafen. Brezel unterwegs, danke Ditsch, keine Zeit, Essen im gehen, Kopfhörer rein, durchatmen. Ich kann das. Ich schaffe das. Wäre doch gelacht, wenn nicht. So einfach gibt man nicht auf.

Es ist ein Balanceakt, denke ich mir.

Fotos: Meira Dins

5 Kommentare

  1. 12. Juni 2018 / 11:26 am

    Oh Wow Melina… dieser Beitrag spricht mir gerade SO aus der Seele. Genau so fühle ich mich gerade und ich weiß nicht wohin damit.
    Mein Kopf ist so voll, ich bin Motiviert Sachen zu machen und gleichzeitig erschlägt mich die Länge meiner To-Do Liste und ich bekomme gefühlt nichts fertig, obwohl ich doch den ganzen Tag daran arbeite.
    Ich habe gerade mein Abi gemacht, gestern meine letzte Prüfung gehabt und dachte, dass ich alle aufgeschobenen Aufgaben der letzten Zeit, die durch die Schule schleifen gelassen wurden jetzt nachholen kann.
    Aber Pustekuchen… es ist Sommer, ich arbeite, hab viele Termine, viel Inspiration und viele Ideen und meine To-Do Liste wächst eher, als das sie schrumpft.
    Und dann habe ich auch noch die Zeit im Nachen sitzen, denn mein Flug nach Melbourne geht am 20. September und bis dahin wollte ich so viel geschafft haben… aber genießen will ich auch, leben.

    Wir befinden uns also gerade in einer ziemlich gleichen Situation… und du versuchst das genauso wie ich zu behandeln. Einfach trotzdem versuchen zu so viel wie möglich ja zu sagen, zu machen, weil das geht schon irgendwie…

    Liebste Grüße
    Pauline <3

    http://www.mind-wanderer.com

  2. 15. Juni 2018 / 12:21 am

    Melina, du verstehst es wirklich, dieses heikler Thema in Worte zu fassen. Danke, dass es dir so geht und du darüber sprichst. Es ist nicht schlimm, mal nein zu sagen. Und dennoch ich mich so schwer damit. Die bewusste Entscheidung gegen etwas, das mir lieb ist, bereitet mir ein übles Gefühl in der Magengegend. Doch mich selbst diesem andauernden Stress auszusetzen? Das gleich doch einer Entscheidung gegen etwas, das mir lieb sein sollte: mich selbst.

  3. 15. Juni 2018 / 1:31 am

    Ach Melina,
    der Post war wirklich wie ein kleines Geschenk für mich als ich ihn neulich zum ersten mal gelesen habe.
    Danach gab es mehrmals Situationen in denen ich mich als Opfer der Umstände gesehen habe.. ich habe mich dann an deinen Post erinnert und daran gedacht dass ich eigentlich eine Wahl habe und ich es zwar nicht machen MUSS, aber dass ich es machen möchte und das auch schon schaffen werde..
    vielen Lieben Dank!!
    Alles Liebe, Lea von http://leachristin.com

  4. 15. Juni 2018 / 11:31 am

    Liebe Melina,
    Eigentlich ist dieser Blogpost von dir nicht nur ein kleiner Schweif aus deinem Leben, sondern fast schon ein Hilfeschrei.

    Freunden absagen, das Gefühl haben irgendetwas zu verpassen oder dass irgendjemand es dir übel nimmt, wenn du dir Zeit für dich nimmst, sind negativ geprägte Gefühle in Zeiten der Schnelllebigkeit. Wenn ich eins aus meiner persönlichen Erfahrung sagen darf: dein Körper und auch deine Psyche werden dir das auf Dauer (die Dauer ist relativ) nicht danken. Unterwegs essen, immer zwei Schritte voraus sein. Das hat meines Erachtens nach nichts mit Stärke zu tun,“es wäre doch gelacht.“

    Nimm dir Zeit für dich. Schalt dein Laptop aus, sag den Verabredungen nicht mehr zu, bloß für ein paar Tage, vielleicht einer Woche. Davon hängt deine Existenz nicht ab. Aber deine Existenz hängt von dir ab und sich Zeit für sich zu nehmen und Energie zu tanken, DAS beweist Stärke.

    Ich wünsche, du hörst auf deinen Körper und denke schon brodelnde innere Stimme, die dich immer wieder pausieren möchte. Hab kein schlechtes Gewissen, schon gar nicht dir gegenüber. Du musst für dich sorgen.

    Alles Liebe und erhol dich gut.

  5. 23. Juni 2018 / 1:06 pm

    Hey Melina,

    dein Beitrag hat mich so sehr angesprochen und inspiriert, dass ich zu diesem Thema aus meiner eigenen Sicht und Situation auch einen “No Time” Text geschrieben habe 🙂
    Vielleicht hast du ja Zeit und Lust ihn dir anzusehen:

    https://mind-wanderer.com/2018/06/21/no-time/

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