why we do festivals.

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Ich schließe die Augen und  Erinnerungen an’s Jahr 2013 kommen hoch. Frisch nach dem Abiturzeugnis mit vier Freunden im Zug nach Salzburg, mit dem Bayern-Ticket durch fünf geteilt, perfekt. 2013 und wir haben weder Sorgen, noch Plan. So viel Plan, dass wir bei 30 Grad und nach stundenlanger Zugfahrt merken, dass wir keine Zeltstangen dabei haben und wohl mal noch in den Supermarkt fahren sollten. 2013 und wir können nur darüber lachen. Electric Love war mein allererstes Festival. Damals hatte ich eine kleine EDM-Phase, für die ich mich heute mit einem Zwinkern manchmal etwas peinlich berührt entschuldige und mir einrede, dass das schon gut so war, so viel Avicii und Hardweel zu hören, weil mich das ja meinem heutigen Musikgeschmack näher gebracht hat – mal gucken, wie ich in fünf Jahren über den reden werde. 😉

Ich weiß noch genau, wie überfordert ich von all dem war. Von den vielen Menschen, von der Musik, die 24/7 irgendwo läuft, von den Wellenbrechern, von so vielen Eindrücken und dem riesigen Gelände, der Freundin, die zu viel getrunken hatte, davon, dass ich kein veganes Essen finden konnte und dann auf einmal davon, wie schnell die Tage verflogen. Und wie traurig ich war, als die fünf Tage ganz schnell vorbei waren und man wieder in’s real life zurück muss.

Drei Jahre später und der Festivalsommer ging los. Mein Musikgeschmack hatte sich von EDM in Richtung Techno verändert und ich könnte nicht happier sein, in Berlin zu wohnen, wo gefühlt die halbe Stadt Tickets für etliche Festivals im Juni bereits im Winter zuvor kauft. Wir fahren Zug, den ganzen Sommer. Wir tanzen, den ganzen Sommer. Wir vergessen die Zeit. Wir sind müde, ausgelaugt aber auch so glücklich. Kein Handy, keine Fotos, keine Outfits, Hauptsache warm. Wir haben gar kein Zelt und schlafen nicht, tragen drei Schichten Leggings und tanzen die ganze Nacht. Dann bis Mittwoch im Bett liegen und essen und schlafen, einfach weil wir’s können. Wieder kommt der Montag, wieder packen alle ihre Sachen und wieder überkommt mich diese Traurigkeit. “Warum muss man eigentlich zurück?”, frage ich mich mal wieder.

September 2016 und wir gehen auf’s Lollapallooza. Ich bin skeptisch. Von Anfang an ist mir das suspekt. Die vielen Menschen, die Kameras, der Vibe fehlt. 120€ für zwei Tage, okay okay. Am ersten Abend fahre ich früher nach Hause und am zweiten Tag komme ich zu spät. Es ist dreckig und unlustig und die Leute ruppig zueinander. “Ja, war schon nett” erzähle ich meiner Freundin am Telefon und meine damit eigentlich: “nächstes Jahr vielleicht nicht mehr”.

Zwei Monate später und wir sitzen im Flieger nach Los Angeles. Unser Ziel: Das Desert Trip Festival in Palm Springs, auf demselben Gelände, auf dem auch Coachella stattfindet. Kristina, Melina und ich haben die beste Zeit, sind so eine gute Truppe und nehmen alles mit, was geht. Es ist heiß hier, teuer, jeder macht Fotos und ich muss ganz ehrlich sagen: mit einer Marke für ein Festival zusammenzuarbeiten, bringt noch mal etwas mehr Druck. Wären die beiden Mädels nicht gewesen und wären wir nicht alle so easy zusammen gewesen, hätte das auch ganz anders laufen können. Palm Springs war jedenfalls der Hammer und mal ein ganz anderes Festival, so in der kalifornischen Wüste, mit Poolvilla und VIP-Pässen und Rockbands. (DenBlogpost dazu gibt’s übrigens hier).

Sommer 2017 und ich gehe in die Uni, Vollzeit. Lisa fragt mich, ob ich mit nach Freiburg komme, zum Sea You. Ich freue mich wie bolle und wir fahren gemeinsam mit dem Zug in Richtung Süden. Wir besuchen Isa und sind ein richtig, richtig tolles Trio! Ohne die beiden wäre es nicht mal halb so schön gewesen. <3 Der Alkohol fließt, die Sonne drückt. Das Line-Up ist der Wahnsinn, die Massen irgendwie anstrengend. Wir tanzen auf der Bühne hinter Solomun und der Vibe … fehlt wieder. Die Leute? Ruppig, wieder.

Und dann kam das zweite Mal Australien. Als ich im Oktober wieder nach Melbourne flog, hatte ich nicht vor, auch nur ein einziges Festival zu besuchen. Vielleicht über Neujahr, weil RÜFUS auflegt, und dann auch nur vielleicht, weil das ist in Sydney und kostet so viel und der Flug und das AirBnb und und und … drei Wochen nach Ankunft und ich sitze im Auto Richtung Strawberry Fields. Bis heute kann ich nicht glauben, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin und das tatsächlich gemacht habe. Und bis heute war es vielleicht das schönste Festival, auf dem ich je war. Nicht weil ich alle Acts kannte. Nicht weil meine besten Freunde dabei waren. Nicht weil meine Outfits so toll gewesen wären oder meine Vorbereitung besonders gut.

Es war der Vibe. Es waren die Menschen. Es war die Herzlichkeit, das Glücklich-Sein, das Gefühl von Schwerelosigkeit und Freiheit. Jeder, der hier ist, will etwas beitragen, will anderen helfen, die beste Zeit zu haben. Jeder für jeden, egal wer man ist, wo man her kommt oder wie man aussieht. Ich fasse mein Handy von Donnerstag bis Montag einmal an, nur um überhaupt einmal auf die Uhr zu gucken. Ich vergesse die Zeit, weil ich so glücklich bin.

Tocumwal, New South Wales, mitten im Nirgendwo. Es ist staubig und dreckig und heiß. Ich wache auf und du bist neben mir. Wir baden im Fluss, so wie alle anderen auch. Wir mischen Glitzer mit Sonnenmilch und darauf gibt es den ersten Cider. Wir verkleiden uns als Wild Cats – über 20 Leute, alle haben Spaß, alle sind rücksichtsvoll und gut zueinander. “Das ist doch viel zu gut, um zu halten, viel zu gut, um echt zu sein”, denke ich mir. Fünf Tage vergehen, ich sitze auf dem Rücksitz eines alten Vans, der heiße Novemberwind bläst mir durch die Haare, ich bin dreckig und verstaubt und habe das größte Lächeln im Gesicht. Das Gefühl der Freiheit und Leichtigkeit bleibt. Ich schließe es in meinem Herzen ein, wie ein Stückchen Sonne, und nehme es mit zurück nach Melbourne.

Es wird Dezember und die Temperaturen steigen. Neujahr ist um die Ecke und ich habe keinen Plan, was ich tun soll. Lost Paradise fällt in’s Wasser, wir fahren nicht nach Sydney. Ich überlege, alles umzuschmeißen und doch ganze 400$ für ein Wochenende auszugeben: Beyond The Valley, eineinhalb Stunden von Melbourne entfernt. An einem Abend zeigst du mir das Line-Up und ich sehe: Marek Hemmann und da war die Entscheidung gefallen.
Wir sind fast dieselbe Gruppe, wie vor 6 Wochen, als wir in Lardner Park ankommen, aber irgendwie ist etwas anders, als bei Strawberry Fields. Dieses Festival ist viel größer und man hat von Anfang an das Gefühl, dass alle nur kommen, weil sie über Silvestern etwas zu tun brauchen. Nicht weil sie Lust auf Musik haben oder auf das Gemeinschaftsgefühl, das sich wie Familie anfühlen kann. Jeder macht Fotos, niemand hat genug Glitzer, das ausgefallenste Outfit, genug Federn an den Bra genäht oder genug Alkohol. Alkohol – wow. Seit BTV habe ich echt ein anderes Verständnis dafür, wie rücksichtslos und aggressiv dieser Menschen machen kann – und es macht uns alle etwas traurig.

Warum schreibe ich das alles? Was war der Grund, weshalb alle meine Festivalerfahrungen so weit auseinander driften? Warum fühlte sich Fusion an wie Familie, Lollapallooza wie Stress pur? Strawberry Fields wie Family, BTV wie eine kleine Enttäuschung? Desert Trip hingegen war riesig, in Kooperation mit einer großen Firma, super teuer und kommerziell und dennoch hatten wir die allerbeste Zeit! Ich finde es immer spannend, zu hören, wie Meinungen und Erfahrungen auseinander driften und dieselben Erlebnisse von jeder Person anders aufgenommen werden. Und das ist okay. Gerade in der letzten Woche war mein halber Instagram-Feed voll Coachella-Fotos, Stories, crazy Outfits und ganz viel Musik. Irgendwie bin ich mir nicht sicher, ob das Festival auch etwas für mich wäre, aber ich verfolge es super gerne und freue mich total für jeden, der dort ist und eine tolle Zeit hat. Gleichzeitig höre ich auch immer mehr von anderen Seiten, die sagen, dass Coachella viel zu überfüllt und teuer geworden ist, dass es nur noch um Outfits und Fotos geht und wer mit wem abhängt. Puh. Ich glaube, es kommt immer ganz darauf an, was du aus deinem Wochenende machst. Wenn ich Girls in tollen Outfits sehe, finde ich sie im besten Fall super hot und freue mich darüber, wie offen jeder ist und wie viele Leute happy ihre Körper zeigen. Das ganze “früher war es besser” kann ich leider nicht ganz verstehen – wenn irgendetwas mal klein beginnt und richtig toll ist, dann ist die logische Schlussfolgerung doch, dass es auch immer bekannter wird und mehr Menschen daran teilhaben wollen. Und dieses tolle Erlebnis will man doch teilen und es jedem gönnen, oder?

Warum ich diesen mal ganz anderen Beitrag geschrieben hab, weiß ich auch nicht so recht. Vielleicht, weil dieser Blog mein Baby ist, ich hier alle Gedanken teile und um euch zu zeigen, dass ich auch diese Seite habe. Dass ich Musik liebe und tanzen und Festivals für mich mehr sind, als nur Fotos und Hype und Outfits. Dass es ein Gefühl der Gemeinschaft sein kann. Ich hätte niemals gedacht, dass man mitten im Nirgendwo sitzen kann, mit Fremden, die zu Familie werden und weil ich mich selten so “zu Hause” gefühlt habe, wie an manchen dieser Wochenenden, die so schön sein können, dass ich dieses trotzige “ich will aber noch nicht gehen”-Gefühl hatte, das ich eigentlich nur aus meiner Kindheit kenne, wo man heulen und mit dem Fuß stampfen möchte, haha. Was ich mit all dem sagen will: ich liebe Festivals, über alles. So sehr, dass ich meinen Rückflug nach Deutschland umgebucht habe, um mein letztes Wochenende mit meiner “family away from home” zu verbringen. So sehr, dass ich so glücklich bin, wie selten zuvor in meinem Leben, weil diese Zeit einfach so intensiv ist. Das war sie, meine kleine Liebesoffenbarung. Ich kann es gar nicht erwarten, was diesen Sommer alles passieren wird, was wir zusammen erleben werden. Und all das ohne Drama, ohne Neid, ohne was-hat-die-da-an, oder sonstiges. Sondern wieder Familie sein, füreinander da sein und die schönste Zeit haben. Und jeder, der nicht versteht, wovon ich hier schreibe, dem kann ich nur raten: probier’s selbst! Wir sehen uns im Juli! 🙂

10 Kommentare

  1. Brenda
    18. April 2018 / 3:10 pm

    Ganz große L i e b e! Für diesen Post, für Festivals, für D i c h!
    Ich kann deine Worte so unfassbar gut nachvollziehen!
    Diesen Sommer plane ich, auch endlich mal wieder zu Festivals zu fahren und freue mich riesig! Leider kam das neben Job und anderen Reisen die letzten 2 Jahre viel zu kurz, da sehne ich mir die Semesterferien doch entschieden zurück. 🙂

    • melinaophelia
      18. April 2018 / 3:19 pm

      Das glaube ich dir sofort! Kenne das ja nur zu gut und im Sommer ist man einfach immer so viel unterwegs – dieses Jahr klappt es aber wieder. 🙂 Wünsche dir ganz viel Spaß! <3

  2. 18. April 2018 / 7:00 pm

    Super interessant deine Festival Erfahrungen zu hören Melina! Vor allem, weil du ja wirklich schon auf vielen Kontinenten auf Festivals warst 😀 Super cool!
    Ich könnte mir auch richtig gut vorstellen in Australien auf ein Festival zu gehen! Mal sehen was sich ergibt wenn ich dort bin 🙂
    Ich war bis jetzt erst auf einem Festival und das war das Lolla in Berlin im letzten Jahr und ich muss sagen, dass es mir so so so gut gefallen hat! Das Wochenende war eines der schönsten im letzten Jahr für mich und ich hatte so so viel Spaß, so gute Laune, mega Musik und meine liebsten Menschen um mich 🙂

    Liebste Grüße
    Pauline <3

    http://www.mind-wanderer.com

  3. 19. April 2018 / 1:08 pm

    Hallo Melina 🙂

    Ich find das richtig cool, dass du über deine Festivalerfahrung geschrieben hast. Ich bin auch regelmäßige Festivalgeherin seit 2010 und war eben schon von Festivals mega begeistert, wie es diesen Hype in Instagram noch gar nicht gegeben hat. Aus diesem Grund find ich es umso toller von dir, einen ehrlichen Beitrag darüber zu schreiben. Ich find es auch voll cool, dass für dich Festivals auch mehr sind, als nur tolle Fotos zu machen und eben dort präsent zu sein. Außerdem teile ich voll und ganz deine Vorfreude auf die Festivalsaison im Sommer 🙂

    LG, Lisa

    • melinaophelia
      23. April 2018 / 5:45 pm

      Festivals gibt’s ja eigentlich schon immer und ewig. 🙂 Glaube, es gibt da einfach ganz große Unterschiede. Wo gehts denn für dich hin diesen Sommer? 🙂

  4. 19. April 2018 / 6:42 pm

    I really wish I could attend more festivals! They all look like so much fun! Beautiful pictures and recap. It’s wonderful to meet all kinds of like-minded people and enjoy the celebratory moments just for the sake of celebrating life! <3

    • melinaophelia
      23. April 2018 / 5:45 pm

      agree! <3

  5. 21. April 2018 / 1:30 am

    Ich war noch nie auf einem Festival aber ich werde es definitiv noch ändern! Richtig schöne Idee für einen Blogpost der mal ein bisschen was anderes ist! Ich freue mich schon richtig auf deinen nächsten Post hehe
    Alles Liebe, Lea von http://leachristind.blogspot.com

    • melinaophelia
      23. April 2018 / 5:45 pm

      Danke liebe Lea! 🙂

  6. 28. April 2018 / 10:21 am

    Liebe Melina,
    Was für ein wunderschöner Blogspost! Ich habe ihn wirklich total gerne gelesen, man fühlt einfach durch deine Worte die Liebe zur Musik!
    Ich war leider bis jetzt nur auf dem Lollapalooza letztes Jahr. Ich kann dein Gefühl diesbezüglich total verstehen, wobei ich das Festival trotzdem toll fand, da es absolut meinen Musikgeschmack traf, mit Foo Fighters, TheXX und so weiter…
    Dieses Jahr wird es zur Bucht der Träumer gehen und nach dem ich diesen Post gelesen habe, hat sich die Vorfreude noch mal verdoppelt!

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