IN MEINEM KOPF

Ich habe eine Krise. Okay, das klingt jetzt vermutlich wirklich dramatisch. Eigentlich sitze ich auf meinem Bett und eigentlich ist alles gut. Ich sitze hier in meiner rosa-weiß gemusterten Decke, eigentlich ist alles gut, mit brummender Katze neben mir und eigentlich ist alles gut. Hab ich das jetzt zu oft geschrieben? Ich bin müde. Ich schlafe wirklich beschissen zur Zeit und das erste was ich morgens trinke ist Kaffee, damit hab ich vor zwei Monaten in Australien wieder angefangen. Und dann lege ich mich nachmittags hin, weil ich zu müde bin, weil ich nachts nicht schlafe und kann auf einmal vor Müdigkeit sogar nachmittags schlafen. das konnte ich früher nie. Ich höre in mich hinein und mein Herz pocht ganz laut und meine Gedanken fühlen sich an wie ein unendlicher Strudel aus nichts und ganz viel und dann wieder nichts, jedenfalls nichts, was wichtig wäre. Irgendwann werden mein Herz und der Strudel leise und dann schlafe ich dann ein, nachdem ich gefühlt 3 Stunden einfach daliege und nachdenke und nicht darauf klar komme, wie verdammt laut mein Herz zu schlagen scheint. Wenn ich aufwache, bin ich Matsch und denke mir „Scheiße, ich wollte doch noch das und das machen“. Und dann fängt der Strudel wieder an. Und ich kann nachts wieder nicht schlafen, weil ich tagsüber schlafe, was mich dann den ganzen Tag müde und träge macht, weshalb ich ja dann schlafe und nachts wiederum nicht schlafen kann. Kann ich bitte einfach mal normal schlafen?

Ich meckere auf hohem Niveau. Ich habe das Gefühl das gehört sich nicht. Was will ich eigentlich? Ich studiere Philosophie und fühle mich die meiste Zeit wie der größte Versager. Oft sitze ich einfach nur da und denke nach und starre Löcher in die Wand. Ich möchte wieder nach Australien, ich möchte in den Westen, ich möchte auf der linken Seite Auto fahren, billigen Wein trinken, Sushi mit großen Bissen essen, Sonnenuntergänge angucken und die Wellen gegen meine Knöcheln schlagen spüren. Mimimimi, ich will, ich will, ich will. „Das Leben ist kein Wunschkonzert“, hat mein Papa immer gesagt. Ja aber was ist es denn dann? Und während ich dasitze und darüber nachdenke, wie die Zeit immer schneller verstreicht und mein Leben an mir vorbeizieht und wie wenig Sinn es macht, dass man in der Philosophie nach Beweisen für Existenz sucht, zieht das Leben an mir vorbei. Und ich wache auf und merke, dass ich wieder ewig über nichts nachgedacht habe und bekomme Panik, dass mir die Zeit davonrennt.

Tagsüber bekomme ich nichts hin. Manchmal schalte ich absichtlich mein Handy ab und lege es für zwei Stunden weg, um irgendwas „produktives“ zu machen. Aber wen juckt es eigentlich ob ich meine Fensterbank abstaube oder nicht? Meist endet es darin, dass ich auf meinem Bett liege und wieder nachdenke und mir wieder die Zeit davon rennt und dann laufe ich panisch zu meinem Handy, schalte es an und aktualisiere alle Apps, denn vielleicht ist ja was spannendes passiert in der letzten Stunde, irgendwas, das mich aufweckt. aus meinem ich-weiß-nicht-wohin-mit-mir-und-scheiße-man-und-überhaupt. Nur um dann zu merken, dass es immer noch dieselben Nachrichten sind, auf die ich seit 2 Wochen nicht antworte, weil ich mir dafür Zeit nehmen will, die ich nicht habe, da ich sie vertrödle, und mittlerweile noch mehr Nachrichten dazugekommen sind und mir immer noch alles zu viel ist, also schalte ich das Handy wieder aus und das Spiel geht von vorne los. Sorry für die verschachtelten Sätze aber wofür studiere ich denn, haha. Jetzt gerade in dieser Sekunde ist es 22:57 Uhr und ich weiß jetzt schon, dass ich nachts durch alte Bilder auf meinem Handy gehen werde und an den letzten Sommer denke und mir denke „man, das war schon ne gute Zeit aber gut auch, dass das jetzt vorbei ist, irgendwie“. Ich will ja vorwärts kommen. Aber vorwärts womit? Und was mache ich eigentlich in meinem Leben? Ich bin froh, dass ich Freunde habe. Wenn ich eine Konversation mit anderen Menschen führe, fühle ich mich eigentlich grundsätzlich wie ein Alien. Freunde sagen oft sie überlassen mir das Reden, weil ich immer so entspannt und höflich und selbstsicher wirke. Dazu fallen mir spontan nur drei Buchstaben ein: L, O, L. Ich glaube, in den letzten 22 Jahren hat mein Gehirn dieses Ding namens Unterhaltung so gelernt, dass es etwas hört und darauf x verschiedene Antworten und y verschiedene Fragen hat, die sich ganz gut anhören und die mein Mund dann ausspuckt und es sich so anhört, als wüsste ich, was ich da rede. Dabei sehe ich von außen meinem Mund und meinem Gehirn zu und denke dabei „was zum Teufel tut ihr da eigentlich, warum seid ihr so ein gutes Team und wo bin ich bei der ganzen Sache?“. Abgesehen davon, dass ich weniger fluchen sollte und weniger „irgendwie“ schreiben sollte: Macht das Sinn für irgend jemanden? Wahrscheinlich nicht. Auf jeden Fall – zurück dazu – liebe ich meine Freunde. Bei ihnen schaltet dieser Automatismus dann aus und ich sage Sachen, die ich auch meine. Vielleicht sogar Bedeutung haben. Oder ich sage einfach mal nichts und das ist auch okay, ich muss nichts sagen, denn Freunde verstehen sich auch ohne Worte. 

Ich mache keinen Sport. Entweder ich bin krank, oder ich gehe zwei mal zum Kickboxen, ein mal ins Gym und bin wieder krank. Es pisst mich schon nicht mal mehr an, über die Phase bin ich hinweg. Momentan habe ich einen miesen Virus, weshalb ich am Tag 8 Tabletten schlucke, mal sehen, was als nächstes kommt. It’s a surpriiiise, schließlich bin ich schon wieder nur am kränkeln seit ich wieder in Deutschland bin. Hat eigentlich mittlerweile jemand gemerkt, dass ich mit meinem Australien-Gelabere nerve? Ja? Gut, ich nerve mich nämlich selbst schon. Wenn ich jetzt daran zurückdenke, wie ich früher Panik geschoben habe, weil ich meinen Hintern 4 Tage am Stück nicht trainiert habe und Angst hatte, dass sich dann Muskeln abbauen, könnte ich laut loslachen. Ich esse, was ich will und alles ist begleitet von diesem kleinen „ist mir egal“-Gesichtsausdruck. Irgendwie ändert sich mein Aussehen auch nicht, ob ich Sport mache oder nicht und ob ich esse, was ich will, oder nicht. Nicht, dass mir mein Aussehen gerade besonders wichtig wäre. Meine größte Freude ist dann noch gemeinsam essen, am liebsten mit Freunden, am besten noch mit einem Glas Wein und Leuten, die mich gut kennen, denn da muss ich weder die Eigenartigkeit meiner Gehirnareale ertragen, noch so tun, als wüsste ich, was ich tue. 

Es ist nicht so, als wäre ich nicht glücklich. Ich bin sogar ein recht positiver Mensch, würde ich jetzt mal ganz frech so sagen. Die meiste Zeit sieht man mich am lächeln oder lachen oder grinsen oder wild gestikulieren und übertreiben („jetzt ist mir das schon zum hundertsten Mal runter gefallen, man“ – das ist ein typischer Melina-Satz. Ich übertreibe am laufenden Band, haha.). Letztens hat mir jemand geschrieben, dass ich sie total inspiriere und ihr durch meine Art sehr helfe und ich dachte mir so „krass, wow, einerseits freut mich das und andererseits setzt es mich echt heftig unter Druck, denn ich finde mich selbst einfach null inspirierend und bekomme es nicht mal hin, endlich Waschmittel im Supermarkt mitzunehmen oder stundenlang wie eine Irre im Bett liege und nachdenke und Kreisel in die Wand starre und nach außen hin nichts mache. Ich habe auch keinen Grund, traurig zu sein, denn eigentlich ist alles gut. Aber wenn mich jemand fragen würde, ob ich glücklich bin, dann könnte ich nicht lügen und ja sagen. Ganz ehrlich. Zum Glück fragt keiner.

Morgen ist keine Uni und ich kann ausschlafen. Wenn ich ehrlich sein soll, habe ich mir den Freitag beim Erstellen meines Stundenplans deshalb freigehalten, um auch mal donnerstags feiern gehen zu können. In Wirklichkeit sitze ich eher richtig ohne Sinn bis 2 Uhr vor Spotify und höre Musik und gucke auf YouTube Beauty-Tutorials, die ich nie nachschminken werde, da ich die drei Schminkutensilien, mit denen ich umgehen kann, alle für weniger als 4€ in der Drogerie kaufe und in Wahrheit Angst vor Wimpernzangen habe. Ich lese alte Nachrichten auf WhatsApp und frage mich, ob du manchmal, wenn du gerade eine schlecht gedrehte Zigarette an deinem Fenster rauchst, nach draußen guckst und an mich denkst. Ich denke manchmal noch an dich, ein bisschen jedenfalls. Aber meist nur dann, wenn die S-Bahn an deiner Haltestelle hält, deshalb fahre ich da nicht mehr hin.

Ein neuer Tag, ein neuer Blick in den Spiegel und so langsam frage ich mich, ob die Ringe unter meinen Augen jemals wieder verschwinden werden. Eigentlich ist es mir gerade ziemlich egal, wie ich aussehe. Ich stehe auf und da ist dieser riesige Haufen Klamotten und ich fische das raus, was mich wohl am besten vor Regen und Kälte schützen könnte. Und das Anfang Mai. Wenn mich dann jemand auf Instagram fragt, wo mein Pulli her ist, schäme ich mich ein bisschen und frage mich, ob man sieht, dass ich ihn echt mal waschen sollte. Es ist nicht mal so, als wäre ich schlampig, sondern irgendwie vergesslich gerade. Mein Hirn ist wie ein Schweizer Käse. Darf man diesen Vergleich überhaupt machen, wenn man keinen Käse isst? Noch so eine Frage mit der ich mich beschäftige, während die S-Bahn abfährt und ich schon wieder vor lauter Nachdenkerei mindestens 10 Minuten zu spät komme. Okay mist, jetzt wissen es alle. Sorry, nein, die Bahn war eigentlich nicht schuld, ich hab mich nur wieder in meinem Kopf verloren.

7 Comments

  1. Anonym
    9. Mai 2017 / 11:58 am

    Liebe Melina,
    du bist hier nicht allein keine Sorge, ich frage mich momentan auch ständig "wo ist der Sinn des Lebens; wieso kann ich nicht noch produktiver sein?; wieso bin ich nicht glücklich obwohl es mir doch so gut geht?" Das sind einige Fragen die mir ständig durch den Kopf schießen.. Es ist ätzend Nachts wach zu liegen, weil der Kopf sich einfach nicht ausschalten möchte 🙁 ich fühle mit dir! Und dann bekommt man Vorwürfe von jmd dem man erzählt wie es einem momentan so geht.. "denk doch mal an die schönen Dinge, du hast so ein tolles Leben, andere beneiden dich. Dir geht es gut, du hast eine tolle Familie, ein Dach über dem Kopf, du verdienst Geld,…" Ich denke mir: super, das hilft jetzt total.. NEIN VERDAMMT!! Ich fühle mich schlecht, weil ich das was ich habe anscheinend nicht genug wertschätze! Wieso ist das momentan so? – Ich weiß es leider nicht. Ich hoffe nur, dass das irgendwann vorbei ist und ich einfach glücklich sein kann.
    Ich hätte ehrlich gesagt niemals gedacht, dass es dir so geht! Du wirkst immer so zufrieden und ich bewundere dich ehrlich gesagt auch, ich finde dich richtig sympathisch, deine Art gefällt mir richtig 🙂
    Lass den Kopf nicht hängen, es wird wieder besser, da bin ich mir sicher!
    Fühl dich gedrückt,
    Liebe Grüße,
    Nina

  2. 11. Mai 2017 / 2:18 pm

    Liebe Melina, ich kann deinem Gedankenfluss so gut folgen und danke, dass du uns an all dem teilhaben lässt. Es ist manchmal einfach schön zu hören, dass bei anderen auch nicht alles 'perfekt' läuft. Das mit Australien hat mich auch SO sehr an mich selbst erinnert. Ich war vor etwa 2 Jahren da und rede immer noch davon, als wäre ich gerade erst wieder zurück gekommen und habe auch immer das Gefühl, dass ich alle um mich herum damit nerve 😀 Aber es war einfach eine so wunderschöne und unvergessliche Zeit und dann sehnt man sich schon ziemlich oft danach zurück.. 🙂

    Liebe Grüße, Nina xx
    http://ganzbesonders.blogspot.de

  3. 13. Mai 2017 / 3:18 pm

    Das ist bestimmt der beste Post, den du je geschrieben hast. So echt, wie Gedankengänge eben sind.

  4. 21. Mai 2017 / 9:06 am

    Liebe Melina,

    ich habe mich gerade selbst erkannt in deinem Text. Mir geht es gerade genauso wie dir und das nun schon seit einem halben Jahr etwa. Ich war zuvor 3 Monate in den USA und 3 Monate in Brasilien und seitdem ich zurück bin, fühle ich mich als wäre ich in einem Loch gefangen. Ich frage mich, was der Sinn des Lebens ist und warum mein Leben gerade einfach so "schrecklich" ist. Im Prinzip ist mein Leben nicht schrecklich, das einzige was man vielleicht als Last bezeichnen kann ist meine Masterarbeit, die ich nun seit etwa 6 Monate vor mich her schiebe und mir immer wieder denke, ich kann das nicht und ich werde meinen Master deswegen nicht schaffen. Wenn ich das jetzt so lese, merke ich wie doof und wie absurd meine Gedanken sind. Aber so fühlt es sich für mich an.. wie ein Berg, der irgendwie unüberwindbar ist. Morgens aus dem Bett zu kommen war lange Zeit und ist es irgendwie oftmals immernoch eine absolute Qual und ohne Kaffee ging erstmal sowieso rein Garnichts. Zu allem Überfluss habe ich seit etwa einem Monat einen Vollzeitjob, in den ich jetzt irgendwie "reingerutscht" bin und da ich "Bewegung und Gesundheit" studiert habe und die Berufsaussichten für mich leider nicht gerade prickelnd sind, sollte ich eigentlich dankbar sein, dass ich einen Job habe, der eigentlich auch garnicht so schlecht ist. Stattdessen denke ich mir jeden Tag, wie scheiße arbeiten doch ist und ob das wirklich ist, wie ich mir mein Leben vorstelle. Definitiv nein!! Ich träume davon wieder zu reisen und die Welt zu erkunden. Einfach raus aus dem Öden und irgendwie sinnlosen Arbeitsleben. Aber stopp, es gibt ja immernoch meine Masterarbeit, die mir im Hinterkopf herumspukt und einfach mal zu Ende gebracht werde muss! Ich kann doch nicht 3 Jahre umsonst zur Uni gegangen sein und so schwierig ist es doch eigentlich nicht?! Wäre da nicht die Barriere in meinem Kopf..Ich weiß, dass ich positiv denken muss und dass ich die Masterarbeit schaffen kann und werde! Meine Familie und meine Freunde glauben an mich und unterstützen mich, aber warum glaube ich eigentlich nicht an mich?! Fragen über Fragen und statt gerade an meiner Masterabeit weiterzuschreiben, wie es eigentlich der Plan war, habe ich deinen Blog angeschaut und Pläne geschmiedet, wo ich als nächstes hinreisen könnte. Liebe Melina, du bist nicht allein! Wir schaffen das und im Prinzip wissen wir auch wie..wir müssen unsere Gedanken ändern und wieder "umprogrammieren" positiv zu denken, an uns glauben und nicht zu viel über den Sinn des Lebens grübeln. Leicht gesagt, aber verdammt schwer getan! Unsere Einstellung wird sich nicht von heute auf morgen ändern, aber wir müssen versuchen jeden Tag einen kleinen Schritt voran zu gehen und positiv in die Zukunft schauen. Wir schaffen das!! Fühl dich fest gedrückt!❤
    deine Jana

  5. 24. Mai 2017 / 3:42 pm

    Liebe Melina,
    ich kann deine Gedanken total nachvollziehen. Mir ging es auch eine lange Zeit so (abgesehen vom Kaffee). Ich konnte nicht schlafen, bin ständig nachts aufgewacht, habe dann gezittert und Panik bekommen. Zu dieser Zeit war ich auch echt schlecht gelaunt und es hat lange gedauert, bis es besser wurde. Aber mir hat Spazieren gehen mega geholfen. Auch mal ohne Ablenkung (Handy, Musik etc.) und mich nur mit mir zu beschäftigen.

    Du bist echt ein toller Mensch und ich bin froh dich kennengelernt zu haben 🙂

    Fühl dich gedrückt von mir,
    Laura

  6. Sandra
    15. Juni 2017 / 11:11 pm

    Wow, ich glaube ich hab noch nie einen so ehrlichen blogpost gelesen, der mir gleichzeitig so aus der Seele spricht.
    Einfach nur danke, dafür, dass du sowas teilst!
    Liebe Grüße
    Sandra

    • melinagr4
      20. Juni 2017 / 8:04 am

      <3 !

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