NOT A #GIRLBOSS

Ich öffne die kleine quadratische Fotoapp. Auf der Explore-Seite tippe ich ganz oben ein und suche … und bin baff! Ganze 3 845 532 Einträge finde ich auf Instagram unter dem Hashtag #girlboss. Das Wort ist seit Erscheinung des gleichnamigen Bestsellers von Sophia Amorusa wohl eines der meistgehypten auf allen Social Media-Plattformen in den vergangenen eineinhalb Jahren. Wenn ich ein wenig brainstorme, ist das erste, was mir zu dem Wort einfällt ein flaches MacBook Air, ein strahlend weißer Instagramfeed, grenzenloser Ergeiz und ein extra großer Refill-Starbucksbecher. Und es macht mich müde.

Seit etwa einem halben Jahr arbeite ich nur noch für mich selbst. Ich bin stolz und dankbar, mein Hobby zu meinem Beruf gemacht zu haben, dass ich das tun kann, was mir Spaß macht und auch noch davon leben kann. Das ganze bedeutet Arbeit, sehr viel Arbeit sogar. Und mein eigener Boss zu sein. Kein #GIRLBOSS. Bis vor einigen Monaten habe ich, um ehrlich zu sein, den Begriff immer mit etwas positiven verbunden: mit starken Frauen, die unabhängig sind, die hart arbeiten und erfolgreich ihr eigenes Ding durchziehen. An sich genau das, was ich jeden Tag auch tue. Als mir vor ein paar Wochen eine Bekannte dann ihre Taschenbuchausgabe vom gleichnamigen Bestseller in die Hand drückte, wurde ich nachdenklich.

Warum muss ich eigentlich ein GIRLboss sein – nicht einfach der Boss? Die Definition des Wortes Boss ist geschlechtsneutral und spricht von einer Person, die andere Personen einstellt bzw. eine höhere Führungsposition als diese einnimmt. Wenn ich also explizit von einem GIRLboss spreche, sage ich damit, dass ich mich selbst als Frau anders betrachte als einen Mann und mich klar mit meinem Geschlecht abgrenze. So weit, so gut. Nun stellt sich mir die Frage: wozu das alles?

Wäre es nicht viel mehr im Gedanken der Emanzipation und der Gleichberechtigung aller Geschlechter, auf solche Bezeichnungen und auf solch in-Schubladen-Stecken zu verzichten?
Um an mich selbst zu glauben, um mein eigener Boss zu sein und um erfolgreich zu sein, muss ich mich nicht über mein Geschlecht definieren. Wir wollen Gleichberechtigung und faire Chancen in unserem Alltag und auf dem Arbeitsmarkt? Dann müssen wir auch fair spielen. Ich muss nicht betonen, dass ich es als Frau schaffe, selbstständig mein Geld zu verdienen und in dem, was ich tue Erfolg zu haben, obwohl ich eine Frau bin. Genau das impliziert #GIRLBOSS nämlich für mich: eine weitere Erniedrigung des weiblichen Geschlechts. Schon mal einen Typen gesehen, der #BOYBOSS in seine Instabio schreibt? Nein? Wäre auch komisch, oder?
Immer wieder unterstreichen zu müssen, dass wir trotz unseres Geschlechts Erfolg haben, hindert uns in unseren Möglichkeiten und hält uns somit zurück von vielem, was wir eigentlich erreichen könnten, wenn wir uns nur mal von den festgefahrenen Gender-Rollen in unseren Köpfen befreien würden. Denn ob wir hohe Schuhe tragen oder Sneaker, ob wir unser eigenes Business haben oder im Laden hinter der Theke stehen, ob wir männliche oder weibliche Geschlechtsteile haben ist – entschuldigung – scheißegal.

Für alle Frauen meiner Generation wünsche ich mir, dass wir mal für eine Minute aufhören uns über Geschlechterungleichheit zu beschweren und stattdessen bei uns selbst anfangen, stereotype Gendergedanken aus unseren Köpfen zu streichen. Leichter gesagt als getan? Vielleicht. Vielleicht ist es schwer, sich von solchen Gedanken zu lösen, wenn man in einer Welt der permanenten Unterscheidung von Mann und Frau aufwächst. Aber: Probleme werden nicht verschwinden, wenn wir sie ignorieren, aber wir können all unsere Energie darauf richten, das zu verfolgen, was wir für erstrebenswert halten. Sich selbst ständig durch sein Geschlecht abzugrenzen bringt, meiner Meinung nach, nichts mit sich außer, dass wir uns in so vielen unserer Möglichkeiten limitieren. Die Challenge ist notwendig und wir werden nicht um sie herumkommen, wenn Gleichberechtigung wirklich unser Wunsch ist.

Ich glaube daran, dass wir einander ermutigen sollten, mehr an uns zu glauben. Frauen ermutigen Frauen, Frauen ermutigen Männer, Männer ermutigen Männer und Männer ermutigen Frauen … oder als was auch immer man sich bezeichnen möchte. Wer ein Boss sein will, der versteckt sich nicht hinter seinem Geschlecht, sondern er fängt an, einer zu sein. Wer hart arbeitet und für seine Träume kämpft, der tut es einfach, ungehindert daran, was die Gesellschaft ihm vorgibt sein zu müssen.

Vielleicht lebe ich auch in meiner Blase, in der Geschlecht nicht existiert bzw. keine Rolle spielt und 99% der Menschheit denkt währenddessen ganz anders. Vielleicht ist auch gut, dass es Bücher gibt, die Frauen ermutigen, sich zu behaupten und hart zu arbeiten in einer Welt, in der stereotypische Unterscheidung des Geschlechts bereits im Kindesalter beginnt und sich später in einer nicht gerade emanzipativen familiaren Arbeitsteilung fortsetzt. Vielleicht liege ich auch komplett daneben – aber das sind meine Gedanken zum Sonntag und zum Thema #Girlboss sein … oder einfach nur Boss.

11 Kommentare

  1. 11. Dezember 2016 / 7:48 pm

    Auf den Punkt gebracht! Mir geht das schon lange auf die Nerven, dass immer wieder auf dem Geschlechterkampf herumgeritten wird. Bestes Beispiel -Beziehungen- "Wer hat denn bei euch die Hosen an? Wer ist denn der Boss?" So unnötig und nervig, aber wohl doch ein Beziehungsstadium über das sich die meisten freuen 😉 Mir hat dein Blogpost super gut gefallen bitte mehr davon =D lg Leni

    • 17. Dezember 2016 / 1:39 pm

      Richtig, so ein in Schubladen-Gestecke hilft niemandem! Sehe das genauso wie du. Schön, dass dir der Post gefallen hat 🙂

  2. 12. Dezember 2016 / 5:38 am

    Toller Beitrag. So habe ich noch nie über die Bezeichnung nachgedacht 🙂 Habe das Buch auch gelesen und finde es super, aber du hast so Recht mit deinen Worten! 🙂 Liebe Grüße, Feli von http://www.felinipralini.de

    • 17. Dezember 2016 / 1:29 pm

      Die Grundaussage des Buches fand ich wie gesagt auch total gut! Aber dennoch kann ich mich mit der Bezeichnung nicht anfreunden. Freut mich, dass es dich zum Nachdenken angeregt hat 🙂

  3. 12. Dezember 2016 / 8:22 am

    Du hast zu 100% genau meine Meinung getroffen! ♥
    Es wirkt manchmal alles einfach wie ein großer Krampf, sich unbedingt beweisen zu wollen, weil man eben eine Frau ist. Ich finde diesen Quatsch mit dem "Girl"-Zusatz beim Boss auch unnötig…
    Tolle Worte auf jeden Fall. Gerne mehr davon!

    Liebe Grüße
    Anne

    • 17. Dezember 2016 / 1:29 pm

      Hundert Liked für deine Worte! Ich finde es auch absolut albern. Schön, dass dir der Beitrag gefallen hat 🙂

  4. Claudia B.
    12. Dezember 2016 / 12:12 pm

    Ich sehe die ganze Sache um ehrlich zu sein ganz anders. Klar sollte es nicht wichtig sein, ob man als Frau oder als Mann ein Boss ist, aber das ist es. Frauen hatte lange nicht die Chance erfolgreich zu sein und wurden immer von Männern in den Hintergrund gedrängt, deswegen sollte man auch stolz darauf sein, wenn man ein 'Girlboss' ist. Natürlich könnte man sagen, man betrachtet alles geschlechtsneutral, aber damit würde man die gesamte Problematik, die mit der Ungerechtigkeit zwischen Mann und Frau einhergeht, ignorieren. Es ist so, als würde man schreiben #alllivesmatter anstelle von #blacklivesmatter. Black lives matter bedeutet nicht, dass nur 'schwarze' wichtig sind, man muss es aber hervorheben, gerade weil diese Menschen so extrem ungerecht behandelt werden. Und genauso muss man auch auf Feminismus aufmerksam machen. Und dabei geht es keineswegs darum, dass Frauen besser gestellt werden, nein auch Männer profitieren davon. Wenn du noch nicht auf Grund deines Geschlechtes anders behandelt wurdest, gut für dich. Aber für die meisten Frauen ist das Geschlecht nun mal nicht scheißegal.
    Liebe Grüße
    Claudia

    • 17. Dezember 2016 / 1:38 pm

      Genau das impliziert doch die ganze Problematik, die durch Geschlechtertrennung entsteht: wenn eine Gruppe meint, sich zusammenschließen zu müssen und sich gegen eine andere hervorzutun. Men matter, Women matter, black lives matter, everybody matters! Durch solche Abhebungen entstehen eben Gruppierungen und kein Miteinander. Klar können wir froh sein, dass Frauen heutzutage arbeiten und wählen dürfen, aber wenn wir wirklich Gleichberechtigung wollen, dann müssen wir – in meinen Augen – auch aufhören, uns als etwas anderes zu behandeln.

    • Claudia
      5. Januar 2017 / 10:26 am

      Und genau durch das, was du im 1. Satz beschreibst, ist Sexismus, Rassismus, Homophobie etc. entstanden. Du schreibst selbst, dass Probleme nicht gelöst werden, wenn man sie ignoriert. Aber dann versteh ich nicht, warum du genau das unterstützt. Es bringt nichts, wenn ich mir denke, 'ich werde wie alle anderen behandelt', wenn es nicht so ist. Einfach nur zu denken, wir sind alle gleich, obwohl Millionen von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder Sexualität deskriminiert werden, verändert gar nichts. Hätten die Menschen wie du es beschreibst, vor 100en Jahren so gedacht, wären Schwarze noch Sklaven und Frauen hauptsächlich auch. Nur weil die Gruppen, die diskriminiert wurden, gekämpft und auf sich aufmerksam gemacht haben, hat sich was verändert. Minderheiten benötigen Aufmerksamkeit, genauso wie Frauen. Was ist so schlimm daran, zu sagen 'ich kann das und ich bin eine Frau/Farbige/homosexuell/transsexuell' usw? Die Menschen müssen sich einfach endlich mal daran gewöhnen, dass es diese Gruppen gibt. Es sind nicht mehr nur weiße Männer, die erfolgreich sind. Daran müssen sich die Leute gewöhnen. Das wäre schon mal ein Schritt in die richige Richtung.
      Letzendlich können wir nur dann Gleichberechtigung erreichen, wenn andere aufhören uns anders zu behandeln.

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